MQS Chad – ein etwas anderer internationaler Einsatz

30.06.2021

Zwei Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um im Bogensport an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. Erstens das Erreichen eines Quotenplatzes. Den kann man bei einem Quotenplatzturnier erkämpfen oder man bekommt einen sog. Tripartite Commission Invitation Place zuerkannt. Solche Startplätze stehen nur bestimmten Staaten offen, insbesondere solchen, die traditionell nur ein kleines Team, jedoch mit hoffnungsvollen AthletInnen zu den Olympischen Spielen entsenden https://extranet.worldarchery.sport/documents/index.php/?doc=4724. Zweitens das Schießen eines bestimmten Minimum Qualification Scores (MQS; https://extranet.worldarchery.sport/documents/index.php/?doc=4338) bei einem WA registrierten Turnier. Für die Olympischen Sommerspiele Tokyo 2020 lag die Schwelle bei einem Score von 605 bei den Recurve Damen und 640 bei den Recurve Herren.

Das NOC des afrikanischen Staates Chad (Tschad) konnte sich große Hoffnungen auf eine Olympiateilnahme an den Olympischen Spielen Tokyo 2020 machen. Ein Schütze hatte beim Afrikanischen Quotenplatzturnier bereits einen Quotenplatz erkämpft, für eine Schützin hatte man sich um einen Tripartite Commission Invitation Place beworben. Für beide Plätze fehlte nur noch das Erreichen des Minimum Qualification Scores. Bedingt durch die COVID-19-Pandemie kam es nun 2021 im Chad zu dem obskuren Fall, dass durch einen totalen Lockdown die SchützInnen weder ins Ausland ausreisen konnten, um an einem entsprechenden Turnier teilzunehmen, noch irgendwer in den Chad einreisen durfte, um dort ein entsprechendes Turnier auszurichten.

Und so kam ich zu meinem bisher ungewöhnlichsten internationalen Einsatz als Schiedsrichterin. World Archery stimmte zu, dass die SchützInnen des Chad bei sich zu Hause unter regelkonformen Bedingungen unter der Video- und Online-Beobachtung einer Gruppe von kontinentalen und internationalen SchiedsrichterInnen versuchen konnten, den Score noch rechtzeitig vor Ende der Frist (28. Juni 2021) zu erreichen. Angedacht waren mehrere Versuche, die für die Wochenenden vom 19./20. und 26./27. Juni 2021 angesetzt waren und per Video Online verfolgt und ebenso aufgezeichnet werden sollten. Samt Auswertung mittels Ianseo, ebenso durch Verfolgen des Wertens per Video.

Bereits eine Woche vor dem ersten Versuch war ich fast jeden Tag nachmittags Online per Video dabei, als unter Umständen, die für uns in Österreich unvorstellbar sind, versucht wurde, einen regelkonformen Platz herzurichten. Vorhanden waren anfangs ein 5m Maßband und eine stark benutzte 122cm-Auflage auf einem Dämpfer mit einer Seitenlänge von etwa 1m, den wir das erste Mal am "Trainingsfeld" zu Gesicht bekamen - einem halbwegs ebenen, ausgetrockneten, einsamen Platz irgendwo in der Hauptstadt N´Djanema. Bis zum Wettkampftag wurde dann auf einem Sportplatz ein Wettkampfplatz hergerichtet, der aus dem nun durch Judomatten (sic!) vergrößerten Dämpfer und durch Seile markierte Linien bestand. Die Schießleiter waren mittlerweile mit Stoppuhren, Pfeifen und einer gelben Flagge ausgestattet, für die nationalen Schiedsrichter war irgendwo her eine Lupe organisiert worden. Alle Beteiligten waren bereits unter der Woche von uns ebenfalls per Video Online intensiv für ihren Einsatz gebrieft worden.

Insgesamt standen für die anstehenden Versuche drei ungebrauchte 122cm Auflagen zur Verfügung, die - wie das gesamte Wettkampffeld und die Ausstattung - durch uns per Video Online abgenommen werden mussten. Insgesamt dauerten die Abnahme des Wettkampffeldes (inzwischen war auch ein 100m Maßband aufgetrieben worden) und die Gerätekontrolle zwei Stunden - für eine Scheibe, eine Schützin, Marlyse HOURTOU (https://worldarchery.sport/fr/profile/17743/marlyse-hourtou/biography) und einen Schützen, Israel MADAYE (https://worldarchery.sport/profile/12339/israel-madaye/biography). Erschwerend kam hinzu, dass alles auf Französisch ablief und Khaled LAMANDÉ (CJ/ALG; WA Continental Development Agent Africa) alles für uns ins Englische übersetzen musste. Weiters war die Übertragungsqualität der insgesamt vier Handykameras sehr unterschiedlich. Diese wurden so positioniert, dass wir einerseits die SchützInnen im Wartebereich und beim Schießen - mit den Schießleitern im Hintergrund - und andererseits die Auflage aus zwei Winkeln observieren konnten - das Ganze dann mit hitzebedingten (über 40° Celsius) Ausfällen einzelner Kameras.

Marlyse HOURTOU erreichte gleich bei ihrem ersten Versuch einen Score von 612 und hatte damit den notwendigen Minimum Qualification Score für einen Tripartite Invitation Place erreicht, der ihr dann am 21. Juni 2021 zuerkannt wurde (https://worldarchery.sport/news/200280/damour-makes-four-athlete-list-universality-tickets-tokyo-2020). Sie wird also bei den Olympischen Spielen in Tokyo mit dabei sein. Nicht aber ihr Landsmann Israel MADAYE, dem es bei keinem der drei Versuche gelang, einen Score von 640 zu erreichen. Und ich - bin um eine interessante Erfahrung und neue Freundschaften reicher…

Bettina Kratzmüller 

 

 

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